Mittwoch, 12. Oktober 2011

Die Deutscholympiade in Tianjin


Vom 23. bis 25. September war es wieder einmal so weit: Die nationale Deutscholympiade fand statt. Es war diesmal die fünfte und sie wurde in Tianjin (Bezirk Beijing) veranstaltet.
Fast einhundert Schülerinnen und Schüler aus etwa fünfzig Schulen in ganz China kamen an diesem Wochenende in die Hafenstadt Tianjin und zeigten ihr Können in der deutschen Sprache. Auf dem höchsten Niveau, dem sogenannten C1-Niveau, gab es wieder interessante Präsentationen zu brisanten Themen, z. B.: „Die Ein-Kind-Politik“, „Bürgerschaftliche Erziehung“, „Bildungsungerechtigeit in China“ u. a.
Meine Schule – die Pudong Fremdsprachenschule – war mit zwei Schülerinnen (Melanie und Tina) und einem Schüler (Michael) auf allen drei Stufen vertreten. Im Vorfeld hatten wir uns gründlich vorbereitet und zwei Präsentationen erstellt: Auf dem B1-Niveau referierte Tina über Haustiere und die Frage, ob man Hunde lieber essen oder lieber als Haustier halten sollte, und Michael beschäftigte sich mit der Situation der Wanderarbeiter in China.
Am Ende kamen wir in allen Finals unter die besten fünf, aber für einen Platz auf dem Siegertreppchen hat es in diesem Jahr leider nicht gereicht. Die Konkurrenz aus Hong Kong und aus unserer Nachbarschule, der Shanghai Fremdsprachenschule, war übermächtig.
Die Gewinner der Olympiade bekommen eine Reise nach Deutschland, genauer nach Frankfurt, wo sie im Sommer an der Internationalen Olympiade teilnehmen können.

Zurück in Shanghai – Ein neues Schuljahr

Das neue chinesische Schuljahr ist nun drei Wochen alt und bereits in vollem Gange. In den entscheidenden Abschluss-Klassen – nämlich den Klasse 9 und 12 – wurden bereits schon wieder zahlreiche Prüfungen absolviert und sogar ein ganzer Prüfungstag abgehalten, an dem unter anderem mehrstündige Tests in den Fächern Chinesisch, Mathematik und Englisch geschrieben werden mussten.  
Am Ende der Klasse 9 wird in der Mittelstufen-Prüfung („Zhongkao“) entschieden, ob ein Schüler weiter an der Schule bleiben darf, um in die Oberstufe zu gehen oder ob er in eine andere Schule oder auf den Ausbildungsmarkt wechseln muss. Und am Ende der Klasse 12 wird die „Gaokao“ geschrieben, die man mit unserem Abitur vergleichen kann, die aber in einem ungleich höherem Maße darüber entscheidet, ob und an welcher Universität man studieren darf. Diese Schüler stehen jetzt – zu Beginn des Schuljahres – schon unter einem enormen Stress. Wochenenden oder Freizeit haben sie fast nicht mehr.
Ich selbst musste schon wieder ein Programm-Lehrertreffen sowie die Deutscholympiade in Tianjin vorbereiten und mitgestalten, sodass es auch für mich in diesen ersten Wochen schon wieder viel zu tun gab. Das beigefügte Foto zeigt meinen Schreibtisch in der Schule und lässt die typische Gestaltung chinesischer Lehrerzimmer erahnen.

Das wichtigste Ziel in diesem Schuljahr ist aber die DSD II Prüfung im Dezember (Deutsches Sprachdiplom). An dieser Prüfung – in der die Schüler relativ schwierige Lese- und Hörverstehensaufgaben bekommen sowie einen Aufsatz schreiben und eine Präsentation halten müssen – beteiligen sich die Schüler der Klasse 12. Die Ergebnisse entscheiden auch darüber, ob die Schüler in Deutschland studieren können oder nicht. Da dieses Testformat völlig anders ist als das chinesische, müssen die Schüler intensiv darauf vorbereitet werden. Das Foto zeigt einige Schüler in unserer deutschen Bibliothek. Sie absolvieren gerade einen Test zum Hörverstehen. Das Ergebnis wird leider nicht so gut ausfallen: Wir müssen noch üben!

Mittwoch, 8. Juni 2011

Zu Besuch bei Mao


Meine letzte Reise in diesem Schuljahr führte mich in eine ganz typisch chinesische Touristengegend: in die Provinz Hunan. Ausländischen Touristen begegnet man hier eher selten. Es ist die Provinz, in der Mao Zedong geboren wurde und aufgewachsen ist. Der Geburtsort von Mao – Shaoshan – liegt etwa 90 Kilometer südwestlich von der Provinzhauptstadt Changsha.
Von Changsha aus wollte ich den Zug nehmen, doch dieses Unternehmen scheiterte um sechs Uhr morgens, als man mir in der Bahnhofshalle einfach keine Tickets verkaufen wollte; den Grund habe ich nicht genau verstanden. Es blieb mir dann nichts anderes übrig, als mich einer der zahllosen chinesischen Touristengruppen anzuschließen, die mit riesigen Reisebussen aufs Land gekarrt werden. Dies war freilich auch ganz interessant und eben auch typisch chinesisch. Bei starkem Regen fuhr der voll besetzte Ausflugsbus Richtung Shaoshan und traf dort auch zwei Stunden später ein. Im Bus lernte ich Chinesen aus dem ganzen Land kennen: aus der Inneren Mongolei, aus dem Uigurengebiet usw. Einige zeigten mir auch mit Stolz ihr kleines rotes Parteimitgliedsbuch.
Shaoshan ist der reinste „Wallfahrtsort“: Es findet eine richtige Mao-Verehrung statt und die Touristenströme scheinen endlos. Im Ort selber gibt es viele Mao-Statuen, vor einigen verneigt man sich auch ehrfurchtsvoll in Gedenken an den toten Vorsitzenden. Es gibt unzählige Souvenirstände und dann natürlich das Elternhaus von Mao und ein großes Museum. Eine lange Schlange wartet vor Maos Geburtshaus und wird im Gänsemarsch hindurch geschleust. Jeder lässt sich natürlich vor dem Eingang in das ehemalige Bauernhaus fotografieren.  
Diese Mao-Verehrung ist schon etwas befremdlich, wenn man bedenkt, dass dieser Mann in der westlichen Geschichtsschreibung immer wieder mit Hitler oder Stalin in eine Reihe gestellt wird. Wir haben es hier nochmals mit einem schönen Beispiel für die ganz andere Perspektive auf die Realitäten zu tun, die mir während meines chinesischen Aufenthaltes schon so oft begegnet ist.

Zum Schluss also noch ein Mao-Zitat: 
Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen, kein Deckchensticken.

Sonntag, 15. Mai 2011

Nach Dunhuang


Nach etwa fünf Stunden Flug quer durchs Reich der Mitte lande ich am Rande der Wüste in Dunhuang.
Dunhuang ist eine schöne, interessante und alte Oasenstadt im Nordosten Chinas. Marco Polo muss hier auch schon vorbeigekommen sein, als er der Seidenstraße entlang reiste. In den Ausläufern der Taklamakan-Wüste kann man nicht nur zwischen meterhohen Sanddünen umherstreifen, mit Kamelen reiten und im Sand rodeln, sondern auch mit dem Mondsichelsee eine einzigartige Landschaft bewundern. Bei über 30 Grad Celsius natürlich alles sehr schweißtreibende Angelegenheiten.
Dunhuang ist für den historisch und kulturell interessierten Besucher eine wahre Fundgrube: Zunächst einmal sind da die weltberühmten Mogao-Grotten mit ihren buddhistischen Statuen und Malereien und dann natürlich der multikulturelle Einfluss im gesamten Stadtbild.

An den Mogao-Grotten bin ich sehr früh am Morgen gewesen, sodass ich als der einzige Ausländer eine Einzelführung bekam.
In der Stadt wird der islamische Einfluss durch viele muslimische Garküchen und die Moschee sehr deutlich. Arabische und chinesische Schriftzeichen wechseln sich ab und enthüllen mir nicht ihr Geheimnis.
Etwa 20km vom Stadtzentrum entfernt befindet sich eine Rekonstruktion der alten Stadt Dunhuang, die heute als Kulissenstadt für diverse Kino- und Fernsehproduktionen benutzt wird. Eine große Scheinwelt – gleichsam wie eine Fata Morgana zwischen den Sanddünen gelegen. Hier beginnt der Orient von Osten aus gesehen.

An den Außengrenzen der chinesischen Welt

Vor mehr als 2000 Jahren ließ der Han-Kaiser Wu am äußersten Nordostende seines damaligen Reiches Mauern, Wehrtürme und Festungen zum Schutz vor Feinden errichten. Die Überreste und Ruinen dieser Anlagen etwa 100km von Dunhuang entfernt sind heute noch zu besichtigen. Der Weg dorthin führt über staubige Straßen und durch endlose Kieswüsten.

Es ist eine imposante menschenleere Landschaft, die einem wie das Ende der Welt erscheint. Irgendwann tauchen dann zwischen ausgetrockneten Salzseen und einigen wilden Grasbüscheln verfallene Lehmmauern und Reste einstiger Festungen auf.
 Eine einsame Hinweistafel kündet von der einstigen Bedeutung diese Ortes. Bei einem frischen Wind aus der Steppe oder sonst woher und bei weitem blauen Himmel träumt man sich in die vergangenen Zeiten zurück. Es bleibt aber ganz still und keine Menschenseele erscheint an diesem fernen Ort. (Wenn man an der Ostküste lebt in Metropolen wie Peking oder Shanghai, dann hält man es nach einiger Zeit nicht mehr für möglich, dass es in China Orte ohne Menschen gibt, weil einfach überall Menschen sind. Doch China ist groß und es gibt diese menschenleeren Gegenden noch.)
Mein Taxifahrer wartete mit seinem Wagen an einem verschlossenen Haus und rauchte gemütlich eine Zigarette, während ich die alten Mauern entlang streifte. Die gesamte Taxifahrt dauerte etwa fünf Stunden und war sehr unterhaltsam, da Yang Wu – so der Name des Taxifahrers – einfach und langsam sprach und mir auch immer wieder unbekannte Wörter und Wendungen aufschrieb und ausführlich erklärte. Auf diese Weise erhielt ich einen unvergesslichen Eindruck von der nördlichen Landschaft der Provinz Gansu.
Einige werden nun vielleicht noch erstaunt fragen: Mein Gott, fünf Stunden Taxifahrt – das kostet doch ein Vermögen? Für chinesische Verhältnisse mag das zutreffen, aber für mich waren es umgerechnet nur 30 Euro. Diesen Preis hatte ich vorher mit Yang Wu vereinbart. Was hätte ich wohl in Deutschland dafür bezahlt?

Sonntag, 1. Mai 2011

Das kommt mir spanisch vor


Wenn wir etwas nicht verstehen und sehr seltsam finden, benutzen wir im Deutschen die Redewendung: Das kommt mir aber spanisch vor. Der Engländer sagt: That’s Greek to me. ( = Das kommt mir Griechisch vor.) Tatsächlich verweisen viele andere Sprachen aber auf das Chinesische, wenn sie Befremden oder Unverständnis ausdrücken wollen. Sie sagen dann: Das kommt mir chinesisch vor.
Und das ist angesichts der Seltsamkeiten und Fremdartigkeiten, die das Chinesische bietet, durchaus zutreffend. Zunächst sind da diese merkwürdigen Schriftzeichen, von denen man gar nicht weiß, wie man sie aussprechen soll. Oder weißt du etwa, wie man 看起來像天書。ausspricht? Oder weißt du, was es bedeutet?
Chinesisch ist meines Erachtens wirklich eine schwere Sprache. Die Basisgrammatik mag einfach erscheinen, weil sich die Wörter nicht ändern und man keine Konjugationen und Deklinationen und dergleichen mehr lernen muss, aber im Detail kann auch die chinesische Grammatik sehr kompliziert sein. Ich gebe ein einfaches Beispiel: Das Foto zeigt den letzten Tafel-Anschrieb meiner Chinesischlehrerin Frau Bu. Es zeigt drei verschiedene Zahleinheitswörter (ding, zhi, shuang), natürlich gibt es sehr viel mehr. Zahleinheitswörter (kurz: ZEW) braucht man, wenn man Substantive mit Zahlangaben versehen will. So wie man im Deutschen etwa drei Blatt Papier sagt, so braucht man im Chinesischen für alle Nomen ein entsprechendes ZEW. Je nach dem, ob die Dinge flach, spitz, lang usw. usf. sind, benötigt man ein anderes ZEW. Das muss man bei jedem Substantiv gewissermaßen mitlernen, so wie die Chinesen bei uns die Artikel mitlernen müssen. An diesem kleinen Beispiel wird schon deutlich, dass das Chinesische nicht nur sehr viel anders als die europäischen Sprachen, sondern eben auch nicht so einfach ist. Frau Bu ist aber nicht so unzufrieden mit mir.


Ich lerne nun schon etwa ein Jahr Chinesisch, aber es ist und bleibt für mich eine schwere Sprache. Einfache Dinge im Alltag (Einkaufen, nach dem Weg fragen usw.) kann ich zwar ausdrücken, aber ich verstehe oft die entsprechenden Antworten nicht. Dennoch ist das Chinesische sehr interessant und eröffnet den Horizont zu einer anderen Kultur- und Denktradition.

PS.: Was also heißt nun看起來像天書。? Man liest es: Kan qilai xiang tianshu. Und es wird von den Chinesen benutzt, um zu sagen, dass ihnen etwas spanisch vorkommt. Natürlich sagen sie nicht „spanisch“; sie beziehen sich überhaupt auf keine andere existierende Sprache, sondern auf ein „Himmelsbuch“, also auf ein im Grunde genommen völlig unbekanntes Schriftsystem. Wörtlich übersetzt: Liest sich wie das Himmelsbuch!
Naja, die Chinesen halt!

Sonntag, 17. April 2011

Ausflug nach Pingyao


An der chinesischen Ostküste ist nun der Frühling eingezogen und in Shanghai hatten wir letzte Woche schon (an einem Tag) subtropisch heiße Temperaturen von 30 Grad: Also bestes Reisewetter!
Für ein verlängertes Wochenende habe ich mich somit auf den Weg nach Pingyao in die Shanxi Provinz gemacht.
Pingyao ist eine kleine „altertümliche“ Stadt, in deren Zentrum noch der alte Stadtkern einschließlich der prächtigen Stadtmauer vollständig erhalten ist. 
 Außenherum befindet sich eine eher hässliche moderne Industriestadt. 
 An den Rändern der Altstadt sieht man viele heruntergekommene und verfallene Häuser, in denen aber offensichtlich immer noch Menschen wohnen. Das Zentrum aber ist sehr schön erhalten und bietet die Möglichkeit zu einer Art Zeitreise in das Ming- und Qingzeitliche China – also das China von vor 500 und 600 Jahren. Natürlich ist die Altstadt heute auch ein Touristenmagnet, aber in den restaurierten und gepflegten alten Gassen, Wehranlagen, Stadttürmen und Tempelanlagen kommt doch das Flair der Vergangenheit durch.
 Irgendwie musste ich beim Streifzug durch die altertümliche Stadt auch an das antike Pompeij denken. Eine seltsame Koinzidenz, trotz der großen räumlichen und zeitlichen Entfernung. Am Abend werden in der ganzen Stadt rote Laternen angezündet und tauchen die Wege und Gassen entlang der vielen Geschäfte und Restaurants in ein seltsames Licht.
Mit dem Frühzug bin ich dann wieder nach Taiyuan zurück gefahren: Ein Erlebnis der besonderen Art. Die Fahrgäste stellten sich am Bahnsteig schon lange vor der Ankunft des Zuges in langen Schlangen auf. (Sehr diszipliniert!) Dann kam der Zug, die Türen wurden von Innen geöffnet … und es war brechend voll. Irgendwie haben sich alle (auch ich) noch hinein gequetscht und dann dicht gedrängt bis zum nächsten Bahnhof durchgehalten. Doch dort sind dann nicht etwa, wie von mir gehofft, etliche Fahrgäste ausgestiegen. Nein, ganz im Gegenteil: Es kamen noch einmal 30 bis 40 Leute pro Wagon dazu. Die Gänge quollen über und über und zwischen den Sitzplätzen drängten die Einheimischen in jeden Winkel hinein. Sogar bis in die Toiletten hinein (die fürchterlich stanken) wurden die Leute geschoben und gedrückt (und ich mittendrin). So sind wir noch etwa eine Stunde (nahezu atemlos) bis nach Taiyuan gefahren. Ich glaube, dass so etwas beim „Unternehmen Zukunft“ (Deutsche Bahn) allein schon aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt gewesen wäre. Man sagte mir aber, dass das jeden Samstag so sei. Viel Spaß!

Sonntag, 13. März 2011

Viel Glück fürs Abi!


Nun ist es wieder so weit: Abitur-Prüfungen in Deutschland! Leider bin ich in diesem Jahr nicht dabei und kann meine ehemaligen Kurse – den Deutschleistungskurs sowie den Ethikkurs – nicht unterstützen. Ich drücke aber ganz fest die Daumen und wünsche zusammen mit meinen chinesischen Schülern Gutes Gelingen!
In China wird die Gaokao (mit unserem Abitur vergleichbar) erst im Juni geschrieben. Dann herrscht im ganzen Land eine Art „Ausnahmezustand“ (wie man mir berichtete), denn es werden Straßen gesperrt, Bauarbeiten eingestellt und überall in der Nähe von Schulen auf größte Ruhe geachtet. Die Gaokao entscheidet in der chinesischen Gesellschaft noch viel stärker als das Abitur in Deutschland über den zukünftigen beruflichen Werdegang, denn die Ergebnisse der Gaokao legen fest, ob und auf welche Universität man darf. Diesbezüglich gibt es ein unvergleichliches Ranking, das noch stärker ausgeprägt scheint als etwa in Großbritannien oder den USA. Als Spitzenuniversitäten gelten die „Beida“ in Beijing oder die Fudan-Universität in Shanghai. Da immer mehr Schüler auf die Universitäten drängen, herrscht ein großer Konkurrenzkampf, der für die Schüler der Oberstufe großen Druck und Stress bedeutet.